Weimar

15.08.2021 - 18.09.2021

WHAT A DIFFERENCE A DAY MAKES
Malerei, Zeichnung und Skulptur von Stefan Schiek


Ort EIGENHEIM Weimar, Asbachstraße 1, Weimar
Eröffnung 15.08.2021 um 16 Uhr
Dauer 15.08. bis 18.09.2021
Offen Do. – Sa. von 16 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung

Informationen

Hiermit laden wir herzlich zur Ausstellung „What a difference a day makes“ mit Malerei, Zeichnung und Skulptur von Stefan Schiek ein.

Der in Weimar ansässige Künstler hat Mediengestaltung und Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar und Audiovisuelle Kommunikation an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona studiert. Schiek zeigt neben figurativen Arbeiten, welche sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Sehen bzw. dem Sinnlichen im digitalen Zeitalter beschäftigen, auch futuristische Landschaften und abstrakte, an Leiterplatinen oder an computergenerierte Strukturen erinnernde, Werke. Diese führt er seit Jahren konsequent in seiner ihm ganz eigenen Technik aus. Auf einem stabilen Träger, zumeist Aluminiumplatten, trägt er dutzende Lackschichten übereinander auf und erreicht dadurch nicht nur Relief ähnliche Untermalungen, sondern durch intensives bearbeiten und abschleifen der Schichten markante Farbverläufe oder hauchfeine Transparenzen. Dabei jedoch geht die immense Leuchtkraft der von ihm genutzten Industrielacke nicht verloren. Das zumeist hochglänzende Finish verleiht den Arbeiten einen, zu den futuristischen Inhalten passenden Look – scheint es doch als würden wir die Arbeiten von Stefan Schiek durch die spiegelnde Oberfläche eines Monitors sehen. Hochaktuell sind dabei seine Themen, sind wir doch gerade während der vorherrschenden Pandemie mehr und mehr in die digitalen Welten abgedriftet, ja fast mit diesen verschmolzen.

Dies wird im Hauptmotiv der Ausstellung dem Bild (Looking VR #2) durch die VR Brille deutlich, welche auch durchaus ein Smartphone sein könnte, und uns den Blick auf die Augen des Protagonisten verwehrt. Die Realität, gerade die besonderen Momente erleben wir heutzutage zumeist durch die Linse einer Kamera, ein dialogischer Blickkontakt kann im Alltag aufgrund der Konzentration auf das technische Device oft gar nicht erst zustande kommen.

Umso mehr freuen wir uns Sie hiermit zu einer Ausstellung in der Realwelt einladen zu können. Wir freuen uns auf den Dialog und die gemeinsame Zeit mit Ihnen.

Stefan Schiek war 2020 Stipendiat des Landes Thüringens. Im Katalog der Abschlussausstellung dieses Stipendiums, mit dem Titel „Looking up“ ist ein Text von Susanne Knorr, der Kuratorin der Kunstmuseen Erfurt erschienen, welchen wir Ihnen hier in Auszügen und zur Vertiefung gegenüber dem Werk von Stefan Schiek nahebringen wollen.

Die Gegenwart der Zukunft
Zu den Arbeiten von Stefan Schiek von Susanne Knorr:

„Feldeváye hatte sich als Zufallsziel ergeben. Einig waren sich Klemens und Severin gewesen, dass man tief in die Himmel würde fliehen müssen, wenn man zusammen ein besseres Leben aufbauen wollte.“

Dietmar Dath führt die Leser seines Romans „Feldeváye“ (2014) auf einen der vielen von Menschen besiedelten Planeten, die sie sich seit ihrem Weggang von der Erde mittels „Terraforming“ perfekt ihren Bedürfnissen angepasst haben. Auf all diesen entfernten Planeten des Sonnensystems gilt die Kunst als überwunden. Nur nach Feldeváye – „ein gänzlich zivilisiertes, völlig gerechtes Gestirn“ – wird sie wieder „teleportiert“ – und zwar die irdische Kunst vergangener Tage. Diese Intervention löst eine „transgalaktische“ Krise unter den genoptimierten Bewohnern Feldeváyes aus.
Bei allem Denken über Bilder, Musik und Dichtung in diesem „Roman der letzten Künste“ – so sein Untertitel – geht es um das enorme soziale Potential von Kunst, geht es um nicht weniger als um ihre Bedeutung. In der Gesellschaft von Feldeváye wird die Kunst zu einem solch zentralen Gegenstand, der sie erden- und zeitfern jenen Platz einnehmen lässt, den bei uns derzeit (Natur-)Wissenschaften und Technik besetzen dürfen.

Das äußerst komplexe und von Zukunftsvorstellungen geprägte Denkuniversum, das der „Vielschreiber“ Dietmar Dath in all seinen Romanen, Sachbüchern, Rezensionen sehr klug formuliert, einschließlich seiner kritischen Positionen gegenüber aktuellen gesellschaftlichen Aporien und utopischen Entwürfe eines besseren Zusammenlebens der Menschheit, korrespondiert nicht nur mit eigenen Überlegungen von Stefan Schiek, der Daths Werk sehr schätzt, der in Ulm geborene Künstler führt die Betrachtenden seiner aktuellen Malereien, Zeichnungen, Reliefs und Skulpturen, die sich zwischen Figuration (Looking up!-Reihe) und Abstraktion (Warscapes-Komplex, Unfold-Serie) bewegen und einen großen visuellen Reiz besitzen, in scheinbar extraterrestrische Gefilde, zumindest in eine zukünftige Erzählzeit. Das legen die in verknappter Bildsprache, nur ausschnitthaft vorgestellten Sujets nahe: nicht identifizierbare Handlungsräume, unbestimmbare Oberflächen sowie undefinierbare Flugobjekte, rund oder eckig, die sich schwebend durch den Raum bewegen oder diesen mit rasanter Geschwindigkeit durchdringen (der effektvolle Einsatz extremer Diagonalen suggeriert hohes Tempo). Situationen mit oder ohne darin agierenden Figuren, die entweder den Objekten entgegensehen oder diese höchst interessiert zum Untersuchungsgegenstand machen.

Trotz ihrer reduziert geformten und vermeintlich einfach lesbaren Motive bergen die Arbeiten von Stefan Schiek viel Rätselhaftes. Mit diesen an Science-Fiction-Stoffe erinnernden Konstellationen tritt er in einen Diskurs über das Heute und Morgen ein, ohne das Gestern auszublenden. Was sind die großen Visionen unserer komplexen, globalisierten Gesellschaft und eines jeden Einzelnen? Wie treten wir unserer Zukunft entgegen? Wie unabhängig, frei und ideenreich denken wir? Lassen wir ein wirklich zukunftsgerichtetes Denken ausreichend zu? Fordern wir uns selbst genügend? Wo sind die gesellschaftlichen und technischen Utopien? Oder sind wir gefangen in Dystopien, einem alles lähmenden Zukunftspessimismus oder hemmenden Sicherheitsdenken und -handeln? Wie groß ist die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Perspektive auf die Zukunft? Das sind die Fragen, die Stefan Schiek bewegen und die er in sein Kunstschaffen integriert.

Dass nicht nur bildende Kunst, sondern auch Film und Literatur technische und gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen oder gar vorwegnehmen können, bezeugen bereits die Werke von Jules Verne, dem Vater der Science-Fiction-Literatur, oder die exzellenten Erzählungen in diesem Zukunftsgenre von Stanislaw Lem. Eva Wolfangel reflektiert in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ nach einem Besuch im „Laboratoire Révolutionnaire et Romantique“ des japanischen Informatikers Jun Rekimoto über das Potenzial von Kunst für die Zukunft des Menschen. Ihre These, dass die Ideen für den Erweiterten Menschen (der Augmented Human ist ein Forschungsgegenstand von Jun Rekimoto), dieser Verschmelzung von Mensch und Maschine, nicht in Laboren entwickelt werden, dass sich vielmehr Forscher von Film und Literatur inspirieren lassen, belegt sie mit Beispielen aus der jüngsten Science-Fiction-Vergangenheit. So verweist sie auf die Idee des Cyberspace, die bereits William Gibson in seinem Klassiker „Neuromancer-Triologie“ (1984) formuliert hat und die wir heute als Virtual Reality kennen, auf den Film „Matrix“ (1999), in dem ebenfalls eine Virtual Reality existiert, den Film „Minority Report“ (2002), in dem Künstliche Intelligenz Anwendung findet, und auf Douglas Adams, der mit dem Babel Fish in seiner satirischen Science-Fiction-Reihe „Per Anhalter durch die Galaxis“ (1979 bis 1992) maschinenbasierte Übersetzungssysteme literarisch vorausgedacht hat. Sie führt auch das von seinem Erfinder Martin Cooper 1973 erstmals benutzte Mobiltelefon an, dessen Idee augenscheinlich auf den Kommunikator von Captain Kirk in „Star Trek“ zurückgeht (die optische Verwandtschaft wurde mit dem klappbaren Mobiltelefon StarTAC, das Motorola 1996 auf den Markt brachte, noch offensichtlicher).
Auch vor dieser Folie lassen sich die Bilder von Stefan Schiek betrachten. Nicht dass er (derzeit) in seiner Kunst technische Erfindungen vorwegnähme, nein, er greift sie vielmehr auf, setzt sich mit ihnen auseinander, integriert sie in seine Bilder, um nach der eigenen Position zu fragen und derart motiviert ein Gesprächsangebot zur gesellschaftlichen Dimension des Themas Zukunft zu offerieren. In der Weise, wie Dietmar Dath „Science-Fiction als Kunst- und Denkmaschine“ versteht, eröffnen auch die Bilder von Stefan Schiek Diskursräume.

Die Fortsetzung dieses Textes und weitere Informationen zum Künstler finden Sie auf im Katalog der Ausstellung "Looking up" aus dem Jahr 2020.




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