Werk und Fortsetzung – Gabriele Stötzer und Paula Gehrmann


Ort
EIGENHEIM Berlin, Kantstraße 28, 10623 Berlin / Vernissage 02.10.2020 ab 19 Uhr / Dauer 03.10. bis zum 31.10.2020 / Künstlerabend 03.10.2020 ab 19 Uhr –  Lese-Konzert Deutschland von Innen, mit Texten von Gabriele Stötzer, Musik: Duo Klang-Zeichen (Daniel Hoffmann, Trompete/Flügelhorn; Michael von Hintzenstern, Harmonium) / Künstlergespräch 23.10.2020 um 19 Uhr – Gabriele Stötzer und Paula Gehrmann im Gespräch mit Bianka Voigt

Gabriele Stötzer ist eine der beeindruckendsten Künstlerinnen unserer deutsch-deutschen Gegenwart. Ihre multimediale, interdisziplinäre Arbeitsweise, darunter Malerei, Fotografie, Film, Performance und Mode, Fotobücher und vor allem das Schreiben, widersetzte sich den unterdrückenden Machtverhältnissen der DDR Diktatur, lehnt sich auf gegen das Patriarchat und erforscht körperliche wie kollektive Zustände und ist so Zeugnis eines unermüdlichen Prozesses des Hinterfragens der eigenen wie gesellschaftlichen Situation. Anlässlich des Europäischen Monats der Fotografie (EMOP) organisierte EIGENHEIM Weimar/Berlin zusammen mit den beiden Künstlerinnen Paula Gehrmann & Gabriele Stötzer die Ausstellung Werk und Fortsetzung. Paula Gehrmann entwickelte bereits 2019, ausgehend von ihrer eigenen künstlerischen Praxis, eine Rauminstallationen, für das Ausstellungs-, Forschungs- und Vermittlungsprojekt in drei Teilen Bewußtes Unvermögen – Das Archiv Gabriele Stötzer, in der GfzK Leipzig. Bewußtes Unvermögen – Das Archiv Gabriele Stötzer war ein begehbares Archiv, welches die künstlerische Praxis der Künstlerin im Kontext der DDR in den 1980er Jahren aufzeigte und zu einer aktiven Auseinandersetzung damit einlud.

Die Ausstellung Werk & Fortsetzung zeigt nun eine Auswahl von fotografischen wie filmischen Arbeiten Stötzers aus den 80iger Jahren und stellt diese neuen, auf der damaligen künstlerischen Praxis aufbauenden, Werkserien gegenüber. So hat Stötzer, während Ihres diesjährigen Künstlerinnen Residenz der Cordts Art Foundation in Schwanenwerder, die Fotoserien Abwicklung von 1982 neu interpretiert, ihre historischen Fotografien zur Grundlage neuer zeichnerischer Übermalungen verwendet, und mit der Arbeit Verbrecherfotos eine umfangreiche neue Arbeit begonnen, welche sich an die Bildästhetik von Portraits aus Stasi Akten oder Polizeiabbildungen anlehnt. Über dies hinaus sind eine Vielzahl historischer Werkgruppen für die Ausstellung zusammengestellt worden.

Diese aktuellen wie historischen Werkgruppen gehen mit der, durch eine Fotografie der Gegenwart und raumgreifenden Interventionen zwischen Skulptur und funktionalem Display bestimmten, künstlerischen Praxis von Paula Gehrmann einen Dialog ein. Die reduzierten Aluminium-Holz und Glaskonstruktionen werden im erweiterten Sinne einer „Assistenz“ in-situ durch die Künstlerin eingesetzt und bilden eigene künstlerische und begehbare Räume. Auch für Werk und Fortsetzung konzipiert Gehrmann eine ganz individuelle Rahmung und geht auf die einzelnen Werkgruppen Stötzers ein, trägt, schützt, und befragt sie, lässt uns in besonderer Weise an die Arbeiten Stötzers herantreten. Eine Unmittelbarkeit beschreibt auch das fotografische Werks Gehrmanns. Einen direkten Einblick in das private Leben und die künstlerische Praxis der Künstlerin ermöglichen uns ihre umfangreichen und bildgewaltigen, dokumentarisch angelegten Fototagebüchern. Gezeigt wird ein Auszug Ihres Archivs 2019 bis 2020. In Form der Fototagbücher wurden auch die Besuche, die in Vorbereitung auf die letzten Ausstellungen in Leipzig unternommen wurden, festgehalten und auf diese Weise der Zusammenarbeit der beiden Künstlerinnen ein Denkmal der Gegenwart gesetzt.

Dies ist gerade deshalb so spannend da „für Gabriele Stötzer die Fotografie stets in direkter Verbindung zu ihrer Person und ihrem Leben stand und sich letztendlich wie in einem Transformationsprozess aus dem Schreiben heraus entwickelt hat, erst sprach- dann bildgewaltig: »Ich habe das Fotografieren bewußt entdeckt, als eine Ausdrucksmöglichkeit für mich, [...] in seinen Resultaten ist das Fotografieren genauso unbestechlich wie ein literarischer Text, es ist als Foto Ausdruck für schlecht, gut, oberflächlich, Wahrheit, Unwissenheit, Dilettantismus.« so die Künstlerin selbst in einem Gespräch mit der ein Kunst- und Fotohistorikerin Franziska Schmidt 2019. Stötzer entwickelte eine eigenwillige Form der Bildsprache, welche die Fotografie als konzeptuelle Kunstform ausweist. In der seriellen Reihung der Motive folgt sie den Prinzipien der zeitgenössischen Kunst als Bild- und Zeichensystem.“ (zit. nach Franziska Schmidt, Gabriele Stötzer, Ich-Körper, in: Camera Austria, Nr. 148, 2019, S.32-34)

Die Ausstellung findet im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie Berlin 2020 statt, wurde von Konstantin Bayer & Bianka Voigt kuratiert und ist in Zusammenarbeit mit der GfZK, der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, sowie mit freundlicher Unterstützung der Galerie Loock Berlin entstanden.

BIOGRAFIEN
Gabriele Stötzer 1953 geboren in Emleben, 3 Geschwister, 1973 Heirat mit D. Kachold und Studium Deutsch/Kunst an der Pädagogischen Hochschule Erfurt, 1976 politische Exmatrikulation vom Studium, 1977 ein Jahr politische Haft im Frauenzuchthaus Hoheneck, danach Sachbearbeiterin in einer Schuhfabrik, 1979 Scheidung, 1980 Kündigung und Übernahme der privaten Galerie im Flur, Erfurt; 1981 deren Liquidierung durch die Staatssicherheit, 1981 beginn der performativen Fotografie in der DDR (mit Cornelia Schleime), 1982 Super-8-Filme, Veröffentlichung in Untergrundzeitschriften der Prenzlauer Berg Szene, ab 1984 Mode-Objektshows, Super 8-Filme und Performances mit Erfurter Künstlerinnengruppe Exterra XX, 1989 Mitgründerin Frauen für Veränderung, Mitinitiatorin der ersten Besetzung der Staatssicherheit der DDR in Erfurt am 4.12.89, 1990 Annahme des Mädchennamens Stötzer, seit 1990 Veröffentlichung von 8 Büchern, ab 2010 Dozentin für Performance-Blockseminare an der Universität Erfurt, 2011 und 2013 Features für mdr über Hoheneck und Zwangsadoption in der DDR, Auftritte mit EFIM Ensemble für intuitive Musik, 2013 Bundesverdienstkreuz.
Ausstellungen (Auswahl ab 1996): boheme und diktatur in der ddr (2009), re.act.feminism (2013), Schwingungskurve Leben Klassik Stiftung Weimar (2013), Zwischen Ausstieg und Aktion Kunsthalle Erfurt (2016), Gegenbilder Gropius Bau Berlin (2018), Gerissene Fäden Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst Cottbus (2018), medea muckt auf Staatliche Kunstsammlungen Dresden und Wendemuseum Los Angeles (2019) East german photography Fotofestival Arles (2019), Bewußtes Unvermögen – Das Archiv Gabriele Stötzer Galerie für Zeitgenössische Kunst  Leipzig (2019-2020)

Paula Gehrmann (1982 in Berlin-Friedrichshain geboren) nach einer Ausbildung als Fotografin in Berlin diplomierte sie in Bildender Kunst an der Hochschule für Grafik- und Buchkunst Leipzig, bei Professor Joachim Brohm. Die Praxis der Leipziger Künstlerin Paula Gehrmann gründet in einer Fotografie, deren Wirklichkeit sich meist in ortsgebundenen Installationen findet. Durch eine Öffnung und Beschreibung von Räumen, die gezielte Arbeit in Kooperationen, sowie das Hinterfragen gängiger fotografischer Dokumentation und Repräsentation sind bedeutend für ihre Arbeit. Diese Performanz fordert eine Aktivierung von dem Betrachter und formt damit entscheidend das Werk Gehrmanns, deren Engagement zu einer Mitautorenschaft der kulturellen und sozialen Situationen und Räume, mit denen die Künstlerin in Berührung kommt, provoziert.