Die zweite Ausstellung des Jahresprogramms richtet den Blick bewusst
auf das Positive: lebendige Farben, lichte Stoffe, Bewegung im Raum –
das Leben und die Leichtigkeit ziehen bei EIGENHEIM ein. Mit dem Fokus
auf Zufriedenheit, Optimismus und gemeinschaftliche Erfahrung formuliert
die Ausstellung eine Haltung, die in einer komplexen Gegenwart durchaus
Orientierung geben kann. Wir feiern die Freude am Leben, am Genuss und
an der Gemeinsamkeit.
Den Ausstellungstitel entlehnen wir dem zentralen Werk der Frühmoderne Le bonheur de vivre von Henri Matisse,
das diese Haltung exemplarisch sichtbar macht und zugleich einen
weitreichenden künstlerischen Diskurs angestoßen hat. In dem Gemälde
versammeln sich nackte Figuren in einer von intensiven Farben
durchdrungenen Landschaft; sie tanzen, musizieren und bewegen sich frei
im Raum – ein Sinnbild für ein Leben, das sich in Sinnlichkeit,
Unmittelbarkeit und Kollektivität entfaltet.
Fest in die Programmatik der Ausstellung eingebaut und zugleich ein
besonderer Höhepunkt ist die Feier des 20-jährigen Jubiläums der Galerie
EIGENHEIM am Samstag, den 30.05., unter dem Motto der „Goldenen
Zwanziger“. Für einen Abend verwandelt sich das historische Gärtnerhaus
im Weimarhallenpark in einen Tanzpalast – als performative Erweiterung
der Ausstellung und als Ort kollektiver Erfahrung zwischen Musik, Tanz,
Rausch und Begegnung.
Die Bezugnahme auf die „Goldenen Zwanziger“ versteht sich dabei
weniger als nostalgische Rückschau denn als Reflexion gesellschaftlicher
Umbruchsmomente. Die historischen 1920er Jahre waren geprägt von
Modernisierung, künstlerischer Experimentierfreude und neuen Formen
öffentlicher Gemeinschaft, zugleich jedoch von politischen, sozialen und
wirtschaftlichen Spannungen. Auch die Gegenwart ist von Fragilität,
Unsicherheit und tiefgreifenden Veränderungen bestimmt. Vor diesem
Hintergrund erscheint das gemeinsame Feiern nicht als Eskapismus,
sondern als bewusster Moment des Zusammenkommens, der Lebensfreude und
des kulturellen Austauschs.
Zwischen Malerei, Installation, Fotografie, Videokunst und Performance entfalten die gezeigten Arbeiten unterschiedliche Perspektiven auf Lebensfreude, Gemeinschaft, Sinnlichkeit und Optimismus. Die absurde Reihung von Orangen auf einer Orangenpresse in der Installation von José Taborda erinnert zugleich an mediterrane Lebensfreude, Überfluss und gemeinschaftlichen Genuss und übersetzt damit zentrale Aspekte der Ausstellung auf humorvolle und zugleich poetische Weise in eine reduzierte skulpturale Form.
In ihrer fotografischen Doppelarbeit Alle meine Freunde greift Julia Scorna die imaginativen Erlebniswelten der Kindheit auf. Zwischen Stofftieren, spielerischer Überinszenierung und intimer Nähe entsteht ein Bildraum, der von der Kraft kindlicher Fantasie erzählt — von ihrer Fähigkeit, unbegrenzte Möglichkeitsräume, Geborgenheit und kollektive Freude entstehen zu lassen. Nina Röder verbindet in ihrem fotografischen Wandtableau florale Motive mit der Detailaufnahme eines Intimbereiches einer Bronzeskulptur zu einer poetischen Reflexion über Fruchtbarkeit, Wachstum und Lebenskraft. Die Blüten rahmen das zentrale Motiv wie ein Sinnbild für Entstehung, Reife und die zyklischen Prozesse der Natur.
Adam Noack zeigt eine großformatige abstrakte Malerei, deren dynamische Bewegungen, rhythmische Linien und intensive Farbklänge eine beinahe spirituelle Bildwelt entstehen lassen. Ergänzt wird diese durch eine gemeinsam mit Tine Günther entwickelte Tischinstallation aus zahlreichen keramischen Objekten – Schalen, Tellern, Tassen und Gefäßen – die zum zentralen sozialen Ort der Ausstellung wird. Der Tisch versteht sich dabei nicht nur als skulpturale Arbeit, sondern als Raum des Zusammenkommens, des gemeinsamen Essens, Redens und Lachens. Ergänzt durch eine atmosphärische Klangkomposition verbindet die Installation Gemeinschaft, Sinnlichkeit und kollektive Erfahrung zu einem lebendigen Ausdruck der Ausstellung. Mit ihrer Malerei Jigsaw Puzzle verbindet Wang Yuhong geometrische Strukturen, leuchtende Farbflächen und fragmentierte Bildräume zu einer spielerischen Komposition zwischen Ordnung und Offenheit. Die Arbeit wirkt wie ein sensibles Austarieren einzelner Elemente und verweist auf die Suche nach Harmonie, Leichtigkeit und Schönheit innerhalb einer komplexen Gegenwart.
Enrico Freitag zeigt Malereien zwischen expressiver Sinnlichkeit, floraler Symbolik und intimer Körperlichkeit. Ein giftgrüner Blumenstrauß sowie zwei erotisch aufgeladene Szenen verbinden kunsthistorische Referenzen – von Vincent van Gogh bis Francis Bacon – mit persönlichen Bildwelten und eröffnen einen Spannungsraum zwischen Begehren, Vergänglichkeit, Lebenslust und emotionaler Intensität. Frederik Foert nähert sich dem Ausstellungsthema mit humorvollen, kinetischen Objekten zwischen Kitsch, Entspannung und poetischer Absurdität. Eine mit einem überdimensionierten Luftballon ausgefüllte Hängematte verweist auf Ruhe, Müßiggang und das Gefühl des Seele-baumeln-Lassens. Ergänzt werden die Arbeiten durch eine rotierende Porzellanfigur vor einer Schlange sowie eine motorisierte Blüte, die sich fortwährend öffnet und schließt. Die Silbergelatine-Handabzüge von Caucasso Lee Jun zeigen intime und zugleich poetische Momente des Alltags zwischen Körperlichkeit, Musik, Nähe und stiller Beobachtung. In den schwarz-weißen Fotografien verdichten sich Fragmente gelebter Wirklichkeit zu sensiblen Bildern über Jugend, Identität und zwischenmenschliche Verbundenheit. Christoph Blankenburg erzeugt in seiner Videoarbeit Chanel Nr. 2 einen Zustand zwischen Schwerelosigkeit und kontemplativer Ruhe. Zwischen Naturerfahrung, Körperwahrnehmung und filmischer Irritation entsteht ein schwebender Moment, der dazu einlädt, Kontrolle loszulassen und sich dem Unbestimmten hinzugeben.
Konstantin Bayer zeigt eine Fahnenarbeit mit Zitaten, die sich zu einem vielstimmigen Plädoyer für Entschleunigung, Achtsamkeit und Lebensqualität verdichten. Zwischen Poesie, Gesellschaftskritik und utopischem Gegenentwurf greifen die Arbeiten zentrale Fragestellungen der Ausstellung auf und formulieren Zuversicht als bewusste Haltung gegenüber einer beschleunigten Gegenwart. Yvonne Benger zeigt Malereien über Familie, Zuhause und zwischenmenschliche Nähe. Zwischen Porträt, Erinnerung und Alltag entstehen intime Bildräume, die an die emotionale Unmittelbarkeit expressionistischer und nachimpressionistischer Malerei erinnern. Zugleich schließt sich mit ihrer Beteiligung ein besonderer Kreis: Vor genau zwanzig Jahren realisierte Yvonne Benger die erste Ausstellung der Galerie Eigenheim. Dass sie nun im Rahmen unseres Jubiläumsprogramms erneut Teil einer Ausstellung ist, macht die gemeinsame Feier am 30.05. auch zu einem Moment der Erinnerung, Kontinuität und gemeinschaftlich gewachsenen Geschichte.