Weimar

12.04.2025 - 17.05.2025

Im Spannungsfeld zwischen Fläche und Raum –
Stefan Böhm und Stephan Dill im Dialog


Ort: EIGENHEIM Weimar, Asbachstraße 1, 99423 Weimar / Eröffnung: 11.04.2025 um 19 Uhr mit Redebeiträgen von Cornelie Becker-Lamers (Weimar) und Ken Yamamoto (Berlin) / Dauer: 12.04. – 17.05.2025

Programmpunkte: 03.05.2025 um 17 Uhr – Harmonien auf dem Harmonium – Michael von Hintzenstern,  spielt Werke von César Franck, Sigfrid Karg-Elert und Erik Satie / 17.05.2025 von 18 – 24 Uhr Finissage zur Langen Nacht der Offenen Museen Weimar mit Künstlergespräch zwischen Stefan Böhm und Stephan Dill um 20 Uhr.

Informationen

Ein spannungsreicher Dialog zwischen der Bildhauerei von Stefan Böhm aus Kranichfeld bei Weimar und der Malerei von Stephan Dill aus Berlin erwartet uns – dabei weist die Formensprache, die prozessorientierte künstlerische Herangehensweise oder das lebendige Nebeneinander von Fläche und Raum ungewöhnliche parallelen auf. Die allseitig ausgearbeiteten, fast monochromen Skulpturen aus Dolorit, Marmor oder Muschelkalt laden ein den Raum zu durchwandern während die farb- und formgewaltige Malerei den Raum visuell erweitert.

Stefan Böhm ist – neben seiner Tätigkeit als Grafiker – vor allem als Steinbildhauer aktiv. Unter diesen zählt er zu jenen, die mit der Physiognomie eines jeden Steins intensiv auf Tuchfühlung gehen. Aus jahrelanger Erfahrung heraus betrachtet er das Material, kennt dessen geologische Herkunft und erdgeschichtliche Entstehung – und tastet sich intuitiv zum Wesen des Steins vor, um dessen inneliegende Form heraus zuarbeiten. Stellen wir uns zum Beispiel vor, wie ein von Stefan Böhm bevorzugt verwendeter Stein, der Dolerit, entstanden ist, so scheint es, als sei diese Entstehungsgeschichte selbst Teil des Formfindungsprozesses geworden. Dolerit entsteht durch das Eindringen von geschmolzenem Magma in bereits existierende Gesteinsschichten im Erdmantel. Unter hohem Druck wird das Magma in Hohlräume gepresst und erkaltet dort langsam.

Betrachten wir die Arbeit Solaris mit ihren aufsteigenden, dynamischen Strukturen, mit dem spannungsvollen Neben-einander von strukturierten und hochglänzend polierten Flächen, so wirkt es, als hätte sich die Form an einer Seite frei entfalten dürfen, während sie an anderer Stelle in einen engen Kanal gepresst wurde. Auch die Arbeit innere Struktur aus Muschelkalk regt unsere Fantasie an – mit ihren abstrakt anmutenden, zugleich aber vertrauten, der Natur entlehnten Formen. Das Objekt erscheint beinahe unbearbeitet – Material und Form sind passgenau zu einer Einheit zusammengewachsen. Es wirkt, als hätte Stefan Böhm die Entstehungsgeschichte des Muschelkalks sichtbar gemacht. Muscheln scheinen sich in der Oberfläche abzuzeichnen, Korallen und andere mineralische Ursprünge des Steins fließen offenbar in die Form ein.

Wir fühlen uns eingeladen zu einem Exkurs durch verschiedene erdgeschichtliche Zeitalter. Im Gespräch mit dem Künstler erfahren wir, dass die Grundlage des Muschelkalks im marinen Abschnitt der mittleren Trias entstand – einer Zeit, in der weite Teile Mitteleuropas rund sieben Millionen Jahre lang von einem Flachmeer bedeckt waren. In Regionen wie Thüringen oder Sachsen-Anhalt (Saale-Unstrut) bildet der Muschelkalk bis heute die Bodengrundlage und tritt vielerorts felsig an die Oberfläche.

Gerade die Vielfalt der verwendeten Materialien und die daraus jeweils unterschiedlich entstehenden Formen lassen das Gespräch mit dem Künstler nicht abreißen. Schon stehen wir vor einer Arbeit aus Schiefer – und entdecken bei einer anderen Skulptur eine mathematische Idee als gestalterischen Ausgangspunkt. Darüber hinaus wohnt den Werken von Stefan Böhm etwas zutiefst Sinnliches inne. Die präzise und allseitige Ausarbeitung zieht den Blick des Betrachters an – und weckt den Wunsch, das Werk zu umrunden, es von oben und unten zu betrachten, es zu berühren. Ein fast unwiderstehlicher Reflex. Dem Betrachter wird dabei klar: Hier schlägt sich ein weiter Bogen von der Natur- bis zur Geisteswissenschaft und die Komplexität unserer Welt findet in Böhms Arbeiten auf künstlerisch-sinnliche Weise eine greifbare Form.

Stefan Böhm wurde 1975 in Weimar geboren und absolvierte zwischen 1992 – 94 die Fachklasse für Metallgestalltung am Staatlichen Berufsschulzentrum in Arnstadt-Ilmenau. Zwischen 1995 – 98 machte er eine Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer und 2001eine Weiterbildung zum Steinmetz u. Steinbildhauer in der Denkmalpflege. Ab 2005 besuchte Böhm die die Meisterschule welche er 2007 abschloss. Seit 2007 ist er selbständig als Bildhauer und hat seit 2010 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Kranichfeld mit Atelier und Galerie (Atelier am Ruhmberg). Seit 2020 ist er Mitglied im Verband Bildender Künstler in Thüringen.

Bei dem aus Berlin stammenden Maler Stephan Dill steht die Beobachtung am Beginn seiner künstlerischen Arbeit. Ob Lichtverhältnisse im Raum bei denen sich Schatten über Objekte legen und sich ständig verändernde geometrische Formen entwickeln, ob Farbflecken auf dem Atelierboden, die auslöschende Dunkelheit der Nacht – stets ist es der Prozess, ein Echo auf visuelle Reize des näheren Umfeldes und die Übertragbarkeit dieser auf die Leinwand. Raumwahrnehmung und Zweidimensionalität verschwimmen dabei zu einer Einheit. Der Betrachter wird hineingezogen in ein Spiel aus Farben und Formen, wird in seiner Wahrnehmung irritiert durch die Vermengung abstrakter Formen, Flächen und Verschattungen, welche gewisse Körperlichkeiten und Figurationen andeuten. Räume entstehen – dem Theater ähnliche Bühnenbilder – in denen neben ausladenden gestischen Pinselbewegungen durch das Auf- und Abtragen der Farbe fein herausgearbeitete, lebendige Oberflächen erscheinen.

Dabei hat er sich eine ganz eigene und gut wiedererkennbare Klaviatur aus Bewegungsmustern und Raumstrukturen erarbeitet – das Ergebnis eines immer wiederkehrenden, intuitiv suchenden Umgangs mit und gegen die Spielregeln der Malerei. Die Bilder spiegeln eine Lebendigkeit und Leichtigkeit im Umgang mit den Herausforderungen der Malerei wider, die sich unmittelbar auf die Betrachtenden überträgt. Der Blick wandert – gelenkt durch organische, fast vegetabile Formen – über das Bild, wird gestört durch eine heftige Übermalung einer zunächst vielschichtigen und interessanten Struktur und wird erneut eingefangen durch eine gekonnt gesetzte Illusion von Tiefe und Raum. Alles scheint einem lockeren Dialog mit der Leinwand zu gleichen, wobei die Entstehung des Bildes in der Tiefe der Oberfläche offengelegt wird.

Dill interessiert sich dabei für einen der Malerei immanenten Diskurse: Kann der Auftrag von Farbe etwas darstellen und gleichzeitig Farbe selbst sein? „Ich denke, meine Malerei ist Farbe und repräsentiert Farbe. Ich entwickle auf meinen Leinwänden Motive, die nicht nur auf den medienimmanenten Gegensätzen von Figuration und Abstraktion beruhen. Es geht mir um die Schnittstellen zwischen den beiden. Die Balance zwischen Zeigen und Weglassen ist das, was mich beschäftigt“, sagt der Künstler.

Eine gewisse Kompromisslosigkeit in der Freude seiner malerischen Forschung findet sich in der Werkserie Liquid Thoughts wieder. Hier gibt es keine Bezüge mehr zur Figuration, sondern es zeigt sich die der Malerei ganz eigenen Lust an in sich verwobenen, ineinandergreifenden Flächen aus Farben und Formen, aus Gesten und Struktur. Der Prozess ist – ähnlich wie bei den großformatigen Leinwandarbeiten – wieder ein Schichten und Abarbeiten, ein Auf- und Abtragen, ein Antrocknen, Abschleifen, Übermalen, ein Freigeben und Rückerobern. Farb- und Bildkompositionen sind dabei gekonnt locker und gleichzeitig spannungsvoll gesetzt, sodass der Betrachter in ein sinnliches Erleben eintaucht – und Synästhet:innen wohl von einem orchestralen Klangteppich sprechen würden.

Stephan Dill studierte Malerei bei Prof. Valerie Favre an der Universität der Künste in Berlin und schloss das Studium als Meisterschüler ab. In der Folge wurden seine Arbeiten in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt. Von 2017 bis 2020 unterrichtete Stephan Dill Malerei an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Seine Werke sind in verschiedenen Sammlungen im In- und Ausland vertreten.

Galerie Eigenheim

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