Weimar

14.03.2026 - 25.04.2026

DOOM TIME – Doomscrolling, Negativ Bias und soziale Folgen

Ort
EIGENHEIM Weimar, Asbachstraße 1, 99423 Weimar / Eröffnung 14.03.2026 um 19 Uhr mit dem DJ Set Druck - Resonanz - Kontrollverlust von Christoph Höfferl / Dauer 15.03.2025 – 25.04.2026 

beteiligte Künstler*innen
Anna Bittersohl, Aram Bartholl, Simon Baumgart, Jonas Blume, Benedikt Braun, Elisa Jule Braun, Paolo Cirio, Ben Grosser, Esra Gülmen, Susanne Junker, Philipp Kummer, Marc Lee, Kayla Mattes, Signe Pierce, Theresa Rothe, Michal Schmidt, Stefan Schiek 

Die Ausstellung entstand mit Unterstützung durch die Kulturstiftung Thüringen und der Stadt Weimar.

Informationen

Den Auftakt des Jahresprogramms – das sich Zuversicht, Positivität und kollektiver Lebensfreude widmet – bildet die Ausstellung DOOM TIME. Sie versteht sich als bewusste Problemanalyse und untersucht die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen ein positives Jahresthema heute nicht naiv, sondern notwendig erscheint – als Haltung gegenüber Populismus, wachsender Polarisierung und der politischen Instrumentalisierung von Informationen. Zugleich verweist die Ausstellung auf das große Abhängigkeitspotenzial sozialer Medien und darauf, wie stark soziale Plattformen unsere Kommunikation, Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Wahrnehmung prägen.

Im Zentrum der Ausstellung stehen die Mechanismen von Doomscrolling und Negativbias – Phänomene, die unsere Wahrnehmung, unsere emotionalen Zustände und schließlich auch den gesellschaftlichen Diskurs prägen. Künstlerische Positionen untersuchen, wie digitale Informationsflüsse, soziale Medien und algorithmische Logiken unser Denken und Fühlen formen. Dabei wird deutlich, dass Plattformen nicht neutral sind: Sie spiegeln ökonomische und politische Machtstrukturen wider, verstärken Polarisierung und prägen demokratische Öffentlichkeiten weltweit. Zugleich zeigt sich, dass individuelle Mediennutzung eng mit Fragen von Verantwortung, Vertrauen und Bildung verbunden ist. Die Ausstellung macht sichtbar, wie stark wir dazu neigen, negative Informationen stärker zu gewichten als positive – und wie soziale Medien und Informationsplattformen diesen Bias gezielt nutzen, um Aufmerksamkeit zu maximieren.

Eine immersive, düster-dystopische Inszenierung schafft einen bewusst abstoßenden Raum und erzeugt eine Erfahrung sensorischer Überforderung, die Gefühle von Angst, Erschöpfung und Unbehagen hervorruft. Besucher*innen begegnen jener emotionalen Überlastung, die aus der permanenten Konfrontation mit negativen Nachrichten entsteht.

Als kritischer Auftakt des Jahresprogramms The Bright Side – Von der Macht der Zuversicht richtet DOOM TIME den Blick gezielt auf die belastenden Effekte unserer medialen Umwelt und bildet damit den notwendigen Kontrast, vor dem Zuversicht, Empathie und kollektive Freude in den folgenden Projekten erfahrbar werden.

Die beteiligten künstlerischen Positionen nähern sich diesen Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Aram Bartholl aus Berlin zeigt mit On the Brink ein scheinbar beiläufiges, zugleich alarmierendes Bild: Ein Smartphone beginnt auf einem Stuhl zu qualmen – ein Sinnbild für die permanente Überhitzung unserer digitalen Gegenwart. Simon Baumgart aus Halle (Saale) präsentiert eine Serie von Zeichnungen, die wie eine depressive Homestory wirken und Zustände von Einsamkeit, Erschöpfung und Melancholie thematisieren. Jonas Blume untersucht in seiner Videoarbeit Moon of a Million Pictures die Verflachung von Realität in der Bilderökonomie sozialer Medien, in der Welt und Natur zunehmend zu konsumierbaren, teilbaren Inhalten und zu Hintergründen individuell kuratierter Erlebniswelten werden. Elisa Jule Braun aus Berlin zeigt in ihrer Videoarbeit Black Hole einen rätselhaft wirkenden Raum, in dem Partikel und Objekte scheinbar in ein schwarzes Loch hineingezogen werden. Die zunächst kosmisch anmutende Szenerie entpuppt sich bei näherer Betrachtung als das Innere eines Staubsaugers.

Der italienische Medienkünstler Paolo Cirio, der überwiegend in New York lebt und arbeitet, ruft mit seinem Projekt Ban X from EU dazu auf, die Plattform X aus Europa zu verbannen, und interveniert mit der Arbeit Attention zugleich in die Aufmerksamkeitsökonomie des Influencer-Marketings, indem er Bilder von Influencern appropriiert, die für umstrittene Produkte werben, ohne dies als Werbung zu kennzeichnen. Ben Grosser, Professor für Neue Medien an der University of Illinois (USA), montiert in seiner Videoarbeit Order of Magnitude einen Supercut aus öffentlichen Auftritten von Mark Zuckerberg, der sich auf die wiederkehrenden Begriffe „mehr“, „wachsen“ sowie auf Kennzahlen wie „Millionen“ oder „Milliarden“ konzentriert und so die Logik digitaler Plattformökonomien sichtbar macht.

Die in Istanbul geborene und in Berlin lebende Künstlerin Esra Gülmen thematisiert in einem fotografischen Diptychon die Ambivalenzen von Beziehungen im Zeitalter permanenter medialer Verbundenheit. Susanne Junker aus Paris richtet ihren Blick auf weibliche Körperbilder, die zwischen idealisierten Projektionen und durch Medien verstärktem Schönheitsdruck oszillieren. Der Schweizer Künstler Marc Lee zeigt mit seinem Netzkunstprojekt TV Bot einen automatisierten Internet-Nachrichtensender, der ausschließlich Meldungen aus den letzten Stunden verarbeitet und mithilfe von Schlagworten wie Doomscrolling, Chaos oder Gewalt den Strom digitaler Nachrichten sichtbar macht.

Kayla Mattes aus Los Angeles verbindet in ihrer großformatigen Webarbeit  Baby One More Time Meme-Kultur, Popreferenzen und sozialkritische Kommentare zu komplexen Bildteppichen unserer digitalen Gegenwart. Signe Pierce präsentiert ihren ikonischen Kurzfilm American Reflexxx (2013), der gesellschaftlich verankerte Aggression und digitale Selbstinszenierung untersucht. Theresa Rothe aus Leipzig bringt mit Confusing Bunch eine skurrile, zugleich irritierende Figur aus Fellstoff, Silikon, Glasaugen, Stoff, Stein und Motor in den Raum – ein liebevoller, aber verwirrter Charakter zwischen Niedlichkeit und Unbehagen.

Michal Schmidt aus Erfurt zeigt mit der großformatigen Malerei Polster gekippt 2 ein Bild innerer Instabilität, das zugleich eine Entfremdung von Natur und Umgebung anklingen lässt. Der in Weimar lebende Stefan Schiek zeichnet Menschen, deren Mimik durch VR-Brillen verborgen bleibt – Figuren, deren emotionale Ausdrucksfähigkeit von technologischen Interfaces überdeckt wird. Die Künstlerinnen Anna Bittersohl und Philipp Kummer aus Leipzig sind neben ihren eigenen malerischen Arbeiten zugleich als Ko-Kuratorinnen maßgeblich an der Entwicklung der immersiven, düster-dystopischen Ausstellungsarchitektur beteiligt, die den räumlichen Rahmen für die Erfahrung von DOOM TIME bildet.

Galerie Eigenheim

WEIMAR EIGENHEIM Weimar / Asbachstrasse 1, 99423 Weimar / weimar@galerie-eigenheim.de
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