Den Auftakt des Jahresprogramms – das sich Zuversicht, Positivität und
kollektiver Lebensfreude widmet – bildet die Ausstellung DOOM TIME. Sie
versteht sich als bewusste Problemanalyse und untersucht die
gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen ein positives Jahresthema
heute nicht naiv, sondern notwendig erscheint – als Haltung gegenüber Populismus, wachsender Polarisierung und der politischen
Instrumentalisierung von Informationen. Zugleich verweist die
Ausstellung auf das große Abhängigkeitspotenzial sozialer Medien und
darauf, wie stark soziale Plattformen unsere Kommunikation,
Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Wahrnehmung prägen.
Im
Zentrum der Ausstellung stehen die Mechanismen von Doomscrolling und
Negativbias – Phänomene, die unsere Wahrnehmung, unsere emotionalen
Zustände und schließlich auch den gesellschaftlichen Diskurs prägen.
Künstlerische Positionen untersuchen, wie digitale Informationsflüsse,
soziale Medien und algorithmische Logiken unser Denken und Fühlen
formen. Dabei wird deutlich, dass Plattformen nicht neutral sind: Sie
spiegeln ökonomische und politische Machtstrukturen wider, verstärken
Polarisierung und prägen demokratische Öffentlichkeiten weltweit.
Zugleich zeigt sich, dass individuelle Mediennutzung eng mit Fragen von
Verantwortung, Vertrauen und Bildung verbunden ist. Die Ausstellung
macht sichtbar, wie stark wir dazu neigen, negative Informationen
stärker zu gewichten als positive – und wie soziale Medien und
Informationsplattformen diesen Bias gezielt nutzen, um Aufmerksamkeit zu
maximieren.
Eine immersive, düster-dystopische Inszenierung schafft
einen bewusst abstoßenden Raum und erzeugt eine Erfahrung sensorischer
Überforderung, die Gefühle von Angst, Erschöpfung und Unbehagen
hervorruft. Besucher*innen begegnen jener emotionalen Überlastung, die
aus der permanenten Konfrontation mit negativen Nachrichten entsteht.
Als kritischer Auftakt des Jahresprogramms The Bright Side – Von der Macht der Zuversicht
richtet DOOM TIME den Blick gezielt auf die belastenden Effekte unserer
medialen Umwelt und bildet damit den notwendigen Kontrast, vor dem
Zuversicht, Empathie und kollektive Freude in den folgenden Projekten
erfahrbar werden.
Die beteiligten künstlerischen Positionen nähern sich diesen Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Aram Bartholl aus Berlin zeigt mit On the Brink
ein scheinbar beiläufiges, zugleich alarmierendes Bild: Ein Smartphone
beginnt auf einem Stuhl zu qualmen – ein Sinnbild für die permanente
Überhitzung unserer digitalen Gegenwart. Simon Baumgart aus Halle
(Saale) präsentiert eine Serie von Zeichnungen, die wie eine depressive
Homestory wirken und Zustände von Einsamkeit, Erschöpfung und
Melancholie thematisieren. Jonas Blume untersucht in seiner Videoarbeit Moon of a Million Pictures
die Verflachung von Realität in der Bilderökonomie sozialer Medien, in
der Welt und Natur zunehmend zu konsumierbaren, teilbaren Inhalten und
zu Hintergründen individuell kuratierter Erlebniswelten werden. Elisa Jule Braun aus Berlin zeigt in ihrer Videoarbeit Black Hole
einen rätselhaft wirkenden Raum, in dem Partikel und Objekte scheinbar
in ein schwarzes Loch hineingezogen werden. Die zunächst kosmisch
anmutende Szenerie entpuppt sich bei näherer Betrachtung als das Innere
eines Staubsaugers.
Der italienische Medienkünstler Paolo Cirio, der überwiegend in New York lebt und arbeitet, ruft mit seinem Projekt Ban X from EU dazu auf, die Plattform X aus Europa zu verbannen, und interveniert mit der Arbeit Attention
zugleich in die Aufmerksamkeitsökonomie des Influencer-Marketings,
indem er Bilder von Influencern appropriiert, die für umstrittene
Produkte werben, ohne dies als Werbung zu kennzeichnen. Ben Grosser, Professor für Neue Medien an der University of Illinois (USA), montiert in seiner Videoarbeit Order of Magnitude
einen Supercut aus öffentlichen Auftritten von Mark Zuckerberg, der
sich auf die wiederkehrenden Begriffe „mehr“, „wachsen“ sowie auf
Kennzahlen wie „Millionen“ oder „Milliarden“ konzentriert und so die
Logik digitaler Plattformökonomien sichtbar macht.
Die in Istanbul geborene und in Berlin lebende Künstlerin Esra Gülmen
thematisiert in einem fotografischen Diptychon die Ambivalenzen von
Beziehungen im Zeitalter permanenter medialer Verbundenheit. Susanne Junker
aus Paris richtet ihren Blick auf weibliche Körperbilder, die zwischen
idealisierten Projektionen und durch Medien verstärktem Schönheitsdruck
oszillieren. Der Schweizer Künstler Marc Lee zeigt mit seinem Netzkunstprojekt TV Bot
einen automatisierten Internet-Nachrichtensender, der ausschließlich
Meldungen aus den letzten Stunden verarbeitet und mithilfe von
Schlagworten wie Doomscrolling, Chaos oder Gewalt den Strom digitaler
Nachrichten sichtbar macht.
Kayla Mattes aus Los Angeles verbindet in ihrer großformatigen Webarbeit Baby One More Time Meme-Kultur, Popreferenzen und sozialkritische Kommentare zu komplexen Bildteppichen unserer digitalen Gegenwart. Signe Pierce präsentiert ihren ikonischen Kurzfilm American Reflexxx (2013), der gesellschaftlich verankerte Aggression und digitale Selbstinszenierung untersucht. Theresa Rothe aus Leipzig bringt mit Confusing Bunch
eine skurrile, zugleich irritierende Figur aus Fellstoff, Silikon,
Glasaugen, Stoff, Stein und Motor in den Raum – ein liebevoller, aber
verwirrter Charakter zwischen Niedlichkeit und Unbehagen.
Michal Schmidt aus Erfurt zeigt mit der großformatigen Malerei Polster gekippt 2 ein Bild innerer Instabilität, das zugleich eine Entfremdung von Natur und Umgebung anklingen lässt. Der in Weimar lebende Stefan Schiek
zeichnet Menschen, deren Mimik durch VR-Brillen verborgen bleibt –
Figuren, deren emotionale Ausdrucksfähigkeit von technologischen
Interfaces überdeckt wird. Die Künstlerinnen Anna Bittersohl und Philipp Kummer
aus Leipzig sind neben ihren eigenen malerischen Arbeiten zugleich als
Ko-Kuratorinnen maßgeblich an der Entwicklung der immersiven,
düster-dystopischen Ausstellungsarchitektur beteiligt, die den
räumlichen Rahmen für die Erfahrung von DOOM TIME bildet.
Weimar
14.03.2026 - 25.04.2026
DOOM TIME – Doomscrolling, Negativ Bias und soziale Folgen
Ort EIGENHEIM Weimar, Asbachstraße 1, 99423 Weimar / Eröffnung 14.03.2026 um 19 Uhr mit dem DJ Set Druck - Resonanz - Kontrollverlust von Christoph Höfferl / Dauer 15.03.2025 – 25.04.2026
beteiligte Künstler*innen
Anna Bittersohl, Aram Bartholl, Simon Baumgart, Jonas Blume, Benedikt
Braun, Elisa Jule Braun, Paolo Cirio, Ben Grosser, Esra Gülmen, Susanne
Junker, Philipp Kummer, Marc Lee, Kayla Mattes, Signe Pierce, Theresa
Rothe, Michal Schmidt, Stefan Schiek
Die Ausstellung entstand mit
Unterstützung durch die Kulturstiftung Thüringen und der Stadt Weimar.