Was hält uns zusammen, wenn vieles auseinanderzudriften scheint? In einer Zeit, die von Kriegen, gesellschaftlichen Polarisierungen, ökologischen Krisen und wachsender Unsicherheit geprägt ist, wird Liebe zu mehr als einem privaten Gefühl. Sie ist Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, eine Form der Verbundenheit und manchmal auch ein Akt des Widerstands. Doch Liebe ist nicht nur ein romantisches Versprechen. Sie ist widersprüchlich, politisch, körperlich, verletzlich und nicht selten mit Erwartungen, Machtverhältnissen und ökonomischen Interessen verbunden.
Die Ausstellung LOVE IT widmet sich den unterschiedlichen Erscheinungsformen der Liebe und fragt, wie wir lieben, was uns verbindet und welche Vorstellungen von Liebe unser Zusammenleben prägen. Die fotografischen und installativen Arbeiten eröffnen internationale Perspektiven auf Begehren und Intimität, auf Geschlecht und Identität, auf Fürsorge und Gemeinschaft sowie auf unsere Beziehung zur Natur. Sie erzählen von der Suche nach Nähe ebenso wie von gesellschaftlichen Normen, persönlichen Grenzen und neuen Formen des Miteinanders.
Nora Ströbel blickt auf die Love-Hotel-Kultur in Buenos Aires und legt mit einem subtilen Gespür für gesellschaftliche Widersprüche die Kluft zwischen katholischer Moral und gelebter Intimität offen. Carlotta Steinkamp richtet den Blick auf die Ökonomie der Gefühle: Mit Humor und der bewussten Aneignung kitschiger Bildwelten untersucht sie, wer von der Vermarktung der Liebe profitiert. Beide Positionen zeigen, wie sehr unsere Vorstellungen von Intimität von gesellschaftlichen Regeln und wirtschaftlichen Interessen geprägt sind.
Andere Arbeiten erkunden die Liebe als Beziehung zwischen Menschen und als Möglichkeit, neue Formen des Zusammenlebens zu entwickeln. Julia Albrecht untersucht in The Balance Between Us das fragile Gleichgewicht zwischen zwei Menschen, das Fürsorge und gegenseitige Verantwortung ebenso voraussetzt wie die Überwindung von Macht und Ungleichheit. Camila Falcão dokumentiert in Across, in Between and Beyond die Netzwerke der Zuneigung innerhalb queerer und nicht-binärer Gemeinschaften in Brasilien. Angesichts von Transfeindlichkeit und Gewalt wird Verbundenheit hier zu einer Form des Widerstands und zu einer Praxis gegenseitiger Stärkung.
Auch der eigene Körper, die Identität und das Recht, sich selbst zu definieren, sind untrennbar mit der Frage nach Liebe verbunden. Maria Bolz begegnet den Herausforderungen ihrer nicht-binären Identität mit Selbstbewusstsein, Stolz und Humor. Ihre Arbeit entwirft die Vision einer Welt, in der Geschlecht nicht darüber entscheidet, wie ein Mensch wahrgenommen wird. Klara Meinhardt verbindet in Crouching Aphrodite textile Strukturen mit Cyanotypie und UV-reaktiven Garnen. Die Auseinandersetzung mit Material, Farbe und Körperlichkeit eröffnet einen sinnlichen Zugang zu einer Bildtradition, die seit Jahrhunderten mit Liebe, Schönheit und Begehren verbunden ist.
Liebe endet nicht an der Grenze des Menschlichen. Jaakko Kahilaniemi begreift sie als grundlegende Verbindung zwischen Mensch und Natur. Seine fotografische Arbeit fragt danach, wie ein verantwortungsvolleres Verhältnis zur natürlichen Umwelt entstehen kann – jenseits einer Logik, die Natur vor allem als Ressource betrachtet. Liebe wird hier zu einer Haltung, die Dankbarkeit, Verantwortung und die Anerkennung der eigenen Grenzen einschließt.
Mit First Kiss von Tatia Pilieva wird ein Moment der Annäherung zum medialen Ereignis. Das 2014 veröffentlichte Video zeigt zehn Paare, die sich vor laufender Kamera zum ersten Mal küssen. Zwischen Nervosität, Verlegenheit und Vertrautheit entfaltet sich eine Choreografie der Nähe. Dass der viral verbreitete Film ursprünglich als Kampagne für ein Modelabel entstand, verleiht ihm eine zusätzliche Ebene: Was authentisch und unmittelbar erscheint, ist zugleich Teil einer medialen Inszenierung. Das Video wirft damit auch die Frage auf, wie Bilder unsere Vorstellungen von Liebe prägen und welche Gefühle sie hervorrufen können.
Anke Heenemanns Installation zeigt vergrößerte Handausschnitte aus anonymen Privatfotografien, in denen mindestens zwei Menschen miteinander verbunden sind. Die Hände rücken ins Zentrum – als stille Zeugen von Nähe, Berührung und Beziehung. Wer die Abgebildeten füreinander sind, bleibt offen und eröffnet einen Raum für eigene Bilder, Fragen und Spekulationen.
Die Ausstellung findet im Jahr des 200-jährigen Jubiläums der Fotografie statt – ein Anlass, nicht nur auf die Geschichte des Mediums zurückzublicken, sondern auch seine Bedeutung für unsere Gegenwart zu hinterfragen. Seit den ersten fotografischen Bildern hat die Fotografie verändert, wie wir die Welt wahrnehmen, Erinnerungen bewahren und Wirklichkeit dokumentieren. Im Zeitalter künstlicher Intelligenz, in dem Bilder zunehmend generiert, manipuliert und in ihrer Herkunft schwerer zu überprüfen sind, gewinnt die Auseinandersetzung mit Fotografie eine neue Dringlichkeit. Was zeigt ein Bild? Worauf beruht sein Wahrheitsanspruch? Und wie beeinflussen Bilder unsere Vorstellung von uns selbst und anderen? Fotografie ist dabei nicht nur ein Instrument der Dokumentation, sondern auch ein künstlerisches Mittel, um Wirklichkeit zu hinterfragen, gesellschaftliche Verhältnisse sichtbar zu machen und neue Perspektiven zu eröffnen. Die Arbeiten in LOVE IT zeigen, wie vielschichtig Bilder von Liebe, Nähe und Verbundenheit erzählen können – und wie wichtig es bleibt, genau hinzusehen.
LOVE IT versteht Liebe nicht als einfache Antwort auf die Krisen unserer Zeit. Die Ausstellung begreift sie vielmehr als offene Frage und als fortwährende Praxis: Wie können wir füreinander sorgen, Unterschiede aushalten, Verantwortung übernehmen und Verbundenheit immer wieder neu gestalten? Vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo wir bereit sind, genauer hinzusehen.
Weimar
21.11.2026 - 30.01.2027
LOVE IT!
Liebe in unruhigen Gegenwarten
Kuratiert von Nina Röder
Künstler:innen Julia Albrecht, Maria Bolz, Camila Falcão, Anke Heelemann, Jaakko Kahilaniemi, Klara Meinhardt, Tatia Pilieva, Carlotta Steinkamp, Nora Ströbel
Eröffnung 21.11.2026, 19 Uhr
Ausstellungsdauer 22.11.2026 – 30.01.2027
Ort Galerie EIGENHEIM Weimar Asbachstraße 1, 99423 Weimar
Öffnungszeiten Di–Sa, 14–18 Uhr und nach Vereinbarung
Liebe in unruhigen Gegenwarten
Kuratiert von Nina Röder
Künstler:innen Julia Albrecht, Maria Bolz, Camila Falcão, Anke Heelemann, Jaakko Kahilaniemi, Klara Meinhardt, Tatia Pilieva, Carlotta Steinkamp, Nora Ströbel
Eröffnung 21.11.2026, 19 Uhr
Ausstellungsdauer 22.11.2026 – 30.01.2027
Ort Galerie EIGENHEIM Weimar Asbachstraße 1, 99423 Weimar
Öffnungszeiten Di–Sa, 14–18 Uhr und nach Vereinbarung
Die vierte und abschließende Ausstellung des Jahresprogramms THE BRIGHT SIDE – Von der Macht der Zuversicht versammelt internationale Positionen der zeitgenössischen Fotografie, die Liebe als persönliche Erfahrung, gesellschaftliches Verhältnis und politische Kraft untersuchen.