Die Unmöglichkeit des Finalen (von Luise Brechenmacher)

Anna Bittersohl führt den Betrachter in ihren großformatige Ölgemälde oft vor teils dicht bewachsene, teils von einzelnen Figuren bevölkerte Landschaften, die ihm seinen Standpunkt im Hier und Jetzt nach und nach entziehen. Dem Auge vertraute kunsthistorische Elemente wie Horizontlinien, perspektivisch angelegte Figurenkonstellationen und  florale Partien finden plötzlich auf-, unter- und übereinander statt, motivische Grenzen verschwimmen und die Komposition erscheint in vielen Teilen fehlskaliert. Blüten so groß wie menschliche Körper, ein Kopf im Profil vor loderndem Himmel, Menschen, Tiere und Pflanzen gemorpht zu hybriden Wesen: Bittersohls Arbeiten erinnern entfernt an Collagen, wenn die Künstlerin ursprünglich angelegte Motive übermalt, nur um sie schließlich durch das nicht ganz rückstandslose Abnehmen von Farbe wieder auftauchen zu lassen.
Dabei geht es ihr darum, den zeitlichen Ablauf der Werkgenese stets sichtbar zu lassen. Denn ihr Interesse gilt den verschiedenen Zuständen von menschlichen Generationen und ihrer Umwelt, die sich in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, aber auch räumlich in Innen und Außen einteilen und erfassen lassen. Diese konzeptionellen Grenzen möchte die Künstlerin aufbrechen, indem sie Elemente durch Skalierung in neue Kraftverhältnisse setzt, Durchbrüche zu vorherigen Bildstadien herstellt und sich malerisch auf die Suche nach alternativen Wahrheiten begibt.
Eine statische Bestandsaufnahme eines Ist-Zustands ist für Anna Bittersohl nicht genug, da Wahrheit sich stetig wandelt und von Erfahrungen und Erinnerungen überformt wird.
Die sich daraus ergebende Unmöglichkeit, jemals einen Zustand als den finalen, „richtigen“ anzusehen kontrastiert die Künstlerin mit dem menschlichen Verlangen, den eigenen Fortschritt und die technischen Möglichkeiten unserer Zeit stets als das Bestmögliche anzusehen und der Natur überzuordnen.


Anna Bittersohl (von Dieter Schnaas/ Autor, WirtschaftsWoche)

Geworfene, Entrückte, Versehrte. Pilgerinnen, Suchende, Wanderer. Indianer, Magiere, Wunschweltbewohnerinnen. Das ist das Personal, das Anna Bittersohls Bilderwelt bevölkert. Womit bereits angedeutet ist, warum uns ihre Arbeiten angehen, irritieren. Bittersohl stellt uns den modernen Menschen archetypisch vor: als zur Freiheit verdammten Pradiesvertriebenen (Geworfenheit), der aus Begabung gezwungen ist, seiner Existenz einen Sinn beizumischen (Pilgerin) - und der, durch technische Könnerschaft sich selbst entfremdet, eine Art zweites Jenseits herbeisehnt (Wunschwelt).
Ihre Figuren sind einsam, ich-verloren, selbst wenn sie, sehr ausnahmsweise, als Paar oder Gruppe in Er-
scheinung treten: starke, innengeleitete Charaktere, die sich vom Vormarsch der Vernunft bedrängt sehen und den Triumphzug von Fortschritt und Aufklärung nur noch als zivilisatorisches Rauschen wahrnehmen: Helden und Heilige einer Antirationalität (oft aureolisch herausgestellt), die sich eine Ahnung vom vormodernen Lebensgefühl der Umfangenheit, ihre Resonanzfähigkeit als ein individueller Teil der Natur erhalten wollen.
Daher die Durchsichtigkeit von Bittersohls Figuren, ihr osmotisches In-der-Welt-Sein: Meist ihrer „empirischen“, dem wissenschaftlichen Erkennen dienenden Sinne beraubt, tasten sie sich als Blinde in eine „Wahrheit“ hinein, die dem empirischen Zugriff des modernen Menschen entzogen bleibt. Und daher treffen wir auch, in so vielen anderen Bildern, auf eine fast schon pantheistisch beseelte Natur, die sich in Bittersohls Schaffen als Sujet eigenen Rechts behauptet - und deren ikonografische Stille und Erhabenheit sich dezidiert nicht einem realistischen Blick, sondern allein traum-malerischer Anverwandlungskraft verdanken.