Ein Hauch von Sehnsucht nach Heimat und Welt

Text von Matthias Zwarg - Journalist und Autor

Von der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska gibt es einen Text  namens “Gleichnis”: Darin finden Fischer eine Flaschenpost mit einem Zettel, auf dem steht: “Leute, Hilfe! Ich bin hier. Der Ozean hat mich auf das menschenleere Eiland geworfen. Ich stehe am Ufer und warte auf Rettung. Beeilt euch. Ich bin hier!” Die
Fischer rätseln: ”Hm. Ohne Datum. Es ist sicher zu spät.” “Und der Ort fehlt. Man weiß nicht einmal, welcher Ozean.” Der dritte Fischer sagt: “Weder zu spät noch zu weit. Die Insel. Hier gibt's überall.”

Wie die Fischer in dem “Gleichnis” bekommt jeder irgendwann im Leben diese Flaschenpost. Die einen werden unschlüssig rätseln, wo die  einsame Insel liegt, die Suche aufgeben oder sie ignorieren. Andere aber werden sich wirklich selbst auf die Suche machen. Zum Beispiel mit einem Schiff, das Vagabonda heißt.Es ist gar kein richtiges Schiff, es kann auch nicht schwimmen – und dennoch ist es in Bewegung, dennoch bietet es immer andere Ausblicke – aufs Meer und vielleicht auch auf die Insel, von der jene Flaschenpost kommt. Vor allem aber auf den Betrachter selbst.
Christiane Wittigs Kunst ist in Bewegung – so wie sie selbst: Chemnitz, Deutschland, Brüssel und Australien. Unterwegs sieht man viele Himmel – und es ist doch immer der gleiche Himmel. Davon handelt ihre Kunst auch – von immer demselben Himmel über immer derselben Erde oder immer demselben Meer – ganz gleich, wo man sich gerade befindet. Und dieser Himmel öffnet einen poetischen Raum, den Christiane Wittig multimedial und damit ganz zeitgemäß, aber gar nicht auf der Jagd nach irgendwelchen Modernismen, ausfüllt. Laufend, sehend, schauend erkundet sie – mit und ohne Brille - ihre unmittelbare Umgebung: einen Wald, ein Wasser, ein Stück Erde. Und ihr Blick öffnet auch dem Betrachter die Augen, lässt ihn die Bilder, die er sieht, mit den Bildern, die er empfindet, in Beziehung setzen. Mit einer einerseits handfesten, in Objekten manifestierten Poesie, andererseits einer verträumt- phantastisch-unbestimmten Offenheit verbindet sie neue Techniken und Technologien – Videos, Licht, Geräusche, Fotos, Fundstücke – mit Elementen klassischer Kunst und schafft damit etwas Neues, Überraschendes, das sich weniger als elitärer, pretiöser Kunstgegenstand, denn als seinerseits offenes, diskutables Medium manifestiert. So kann man in kleinen Guckkästen aus durchsichtigem Kunststoff auffliegende Vögel durch eine Lupe betrachten.
Da wird die Sehnsucht nach der Ferne, ganz sicher ein weltweites Phänomen, zunächst aufs Miniaturformat geschrumpft, um ihr dann mit einem simplen technischen Mittel wieder Raum zu geben. Einen Raum, den auch der Bug der Vagabonda vor sich hat – und der auf den modernen, erzwungenen und/ oder ersehnten Vagabundismus gleichermaßen anspielt: Ein Schiffsbug, tatsächlich nach allen Regeln der Schiffbaukunst gezimmert, ein Sitz, den man ins Schwanken bringen kann wie ein echtes Schiff, und ein Monitor, der ein Stück Himmel über dem Schiffsbug vorüberziehen lässt, gleichzeitig aber auch noch der Umgebung ihre Bedeutung lässt oder ihr eine andere gibt. Dies führt ein wenig das moderne Leben mit seiner scheinbar unabwendbaren, dringend notwendigen „Flexibilität“ und „Mobilität“ ad absurdum, die oft nur vorgetäuschte Eigenschaften einer in sich selbst verharrenden, Profit, Elend und Heimatlosigkeit maximierenden Welt sind. Die wiederum sperrt Christiane Wittig  manchmal in black boxes (sie können aber auch ganz glasklar, doch ebenso dicht wie ein vergittertes Zimmer sein) – gefangene Sehnsuchtsbilder nach einer „Elfe“ oder der ewigen Stadt, Venedig, die aus unseren Sehnsüchten, gewollt oder ungewollt, manchmal auch nicht mehr macht als eine Sucht, ein Gefängnis, dem wir nicht entkommen können oder wollen.
Die kaputte „Brille mit Aussicht“ eröffnet denn auch gar keine wirkliche Aussicht, sondern täuscht schärferes Sehen nur vor, das an der Oberfläche festgehalten wird, während sich dahinter mehr verbirgt, als die Brille mit ihrer sich ändernden Position. Fast alle Arbeiten Christiane Wittigs leben von der eingefangenen  Bewegung, von der Spannung zwischen Technik und poetischen Bildern und einer gewissen Unentschiedenheit zwischen Verharren und Aufbruch, von einer spielerischen Unschärfe – ähnlich wie die Heisenbergsche Unschärferelation in der Physik, die besagt, dass Ort und Impuls eines Teilchens nicht gleichzeitig genau messbar sind, und die damit auch der Natur ein letztes Geheimnis lässt. Christiane Wittig spielt mit dieser Unschärfe, mit Blickwinkeln, mit Geschwindigkeiten, spielt mit dem Sichtbaren, dass immer auch noch etwas Anderes, Unsichtbares zu bedeuten scheint. Das klingt wie eine leise Stimme, in deren Fernweh die Sehnsucht nach einem wie auch immer gearteten Zuhause ganz genau so aufgehoben ist. Nach einer Heimat, die nichts anderes wäre als jene „einsame“ Insel mitten im Welt-Meer, auf der ein gestrandeter Matrose um Hilfe ruft.